Frauen stapeln tief bei der Jobsuche – warum?

Ein Gastartikel von Sarah Künne

Egal, ob es um Ausbildungsberufe, akademische Tätigkeiten oder um die Führungsebene geht: Frauen stapeln meist tief bei der Jobsuche. Obwohl sie die nötigen Qualifikationen – und vor allem die Gleichen, wie die männlichen Bewerber– haben, bewerben sich Frauen eher auf Stellen, die unterhalb ihres tatsächlichen fachlichen Niveaus liegen. Das belegen mehrere Studien und die sind alle aktuell. Woran liegt das? Was bringt Frauen dazu, nicht auch mal höher zu pokern? Und wie kann man das ändern?

Das Verzwickte an der ganzen Sache: Es sind mehrere Personengruppen aus unterschiedlichen Positionen an diesem Zustand beteiligt: a) die Bewerberinnen, b) die Unternehmen und c) die Sozialstruktur. Fangen wir im Kleinen an.

Die Bewerberin-Seite

Schauen wir als erstes auf die vermeintlich „Schuldigen“ bei diesem Problem: die Frauen selbst. Sie sehen eine ausgeschriebene Stelle, lesen die gewollten Qualifikationen und kommen manchmal zu dem Entschluss: Ich passe nicht. Ich kann das nicht. Und weil ich nicht hundertprozentig passe, bewerbe ich mich nicht. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits drei Denkfehler [1] gemacht worden. Erstens: Die Person meint zu wissen, welches Profil genau gesucht wird. Zweitens: Die Person denkt, dass sie über keinen eigenen Mehrwert verfügt. Drittens: Die Person schätzt, wenn ich nur 2 von 10 Qualifikationen nicht mitbringe, komme ich nicht für die Stelle in Frage. Was kann Frau also tun? 

Folgende Tipps kann ich dir an die Hand geben: Um mehr über das gesuchte Kandidatenprofil herauszufinden, könntest du zum Beispiel beim Unternehmen anrufen und nachfragen. Oft spielen deutlich mehr Faktoren eine Rolle, als im Stellenprofil steht. Dann kannst du überlegen, wo deine eigenen Qualifikationen liegen– und das geht über das hinaus, was im Arbeitszeugnis steht. Beispielweise kannst du dich fragen, bei welchen Problemen du von anderen um Hilfe gebetet wurdest. Das Einzige, was über Wegklicken oder Behalten der Stellenanzeige entscheiden sollte, ist: Reizt dich diese Stelle? Deine Motivation und Identifikation sind ausschlaggebend. 

Erstes Zwischenfazit

Ja, es liegt an den Frauen selbst, dass sie tiefstapeln. Sie stellen ihr Licht unter den Scheffel, sie sind nicht mutig genug, sie trauen es sich nicht zu, obwohl sie ganz objektiv auf die Stelle passen. Man kann diese Stärken gemeinsam mit jemand anderem herausarbeiten, aber es gibt nur eine Person, die deinem Erfolg letztendlich im Weg steht: Du selbst! Dafür hat Bastian ein entsprechendes Seminarkonzept entwickelt, in dem du genau diese Stärken herausfinden kannst und vor allem lernst wie du sie einsetzt – (Berufsoptimierer Live – #kennedeinpotenzial)

Exkurs

Hat denn dieses sich selbst unterschätzen etwas mit Frau-Sein zu tun? Sind alle Frauen so?Ist kein Mann unsicher bezüglich seiner eigenen Qualitäten, vermeintlich falsch in seiner Selbsteinschätzung? Es scheinen viel mehr Eigenschaften von bestimmten Personen zu sein, die dazu führen, sich eher unter dem eigenen Niveau zu bewerben. Personen, die bescheiden sind, die unsicher sind und denen eine hohe Passung wichtig ist. Personen, die viel Wert auf die Außenwahrnehmung legen und zu Perfektionismus neigen. Diese Eigenschaften kann sowohl ein Mann als auch eine Frau haben. Sie kommen nur prozentual häufiger bei Frauen vor. 

Die Unternehmens-Seite

Wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass dieses Problem nicht nur das der Frauen ist. Wenn sich Frauen nicht auf Stellen bewerben, können in dieser Position keine Frauen arbeiten. Damit hat nicht nur die Frau nicht den passenden Job, sondern den Unternehmen entgehen die passenden Mitarbeiter. Und dann sind wir ganz schnell beim berühmt berüchtigten Experten- und Fachkräftemangel. Jeder zweite Beruf ist heute von einem Engpass betroffen, resümiert auch Joel Hunold in einem Beitrag der FAZ. Aber die Problematik zeigt sich auch für Führungspositionen: Wenn weniger Frauen in der Führungsetage sitzen, dann, weil sich weniger Frauen beworben haben. Ein Henne-Ei-Problem? Was kann ein Unternehmen tun, damit sich Frau überhaupt bewirbt? Es gibt die Meinung, dass es bei der Stellenausschreibung anfängt. Oft macht die Stellenanzeige den ersten Eindruck der Stelle, aber auch des gesamten Unternehmens aus. Diese Darstellung sollte mit Bedacht gewählt werden und Männer und Frauen gleichermaßen ansprechen.

Laut dem Kofa (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung) sind Worte wie „Verhandlungsgeschick“ und „Durchsetzungsvermögen“ deutlich häufiger maskulin konnotiert, als Anforderungen wie „Wortgewandtheit“ oder „verständnisvoller Umgang“ [2]. Neben der Beschreibung der gesuchten Position und der geforderten Qualifikationen, fehlt es häufig an Flexibilität der Arbeitsbedingungen (Stichwort: Arbeit in Teilzeit), die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Wird eine Stellenanzeige dahingehend sensibel formuliert, spricht das womöglich mehr Frauen an.

Zweites Zwischenfazit

Tja, liebe PersonalerInnen, liebe RecruiterInnen, liebe HR-Agents:Wenn ihr die gut qualifizierten Frauen haben wollt, müsst ihr sie auch gezielter ansprechen! Das fängt bei der Stellenanzeige an. Ihr sucht nicht nur die offensiven Ellenbogen-Menschen, die sich gegen andere durchsetzen können, sondern auch die empathiefähigen und verantwortungsbewussten? Dann schreibt das genau so in eure Stellenausschreibung. Ihr habt bereits mehrere Frauen in Führungspositionen und lebt eine moderne Art der Gleichberechtigung? Dann zeigt euch auch genau so. 

Die Gesellschafts-Seite

Wenn wir das Thema noch etwas differenzierter betrachten, haben sogar auch solche Personen einen Anteil, die sich weder bewerben noch jemanden einstellen wollen. Denn welchen Beruf wir uns aussuchen, wird häufig durch Vorbilder beeinflusst. Die Prägung dieser Vorbilder liegt teilweise recht weit in unserer Vergangenheit und ist heute nicht mehr up-to-date. Wie lange ist es beispielsweise her, dass deine Eltern sich ihren Beruf ausgesucht haben? Es geht hierbei um einen biografisch verankerten Zusammenhang von dem, wie wir einen bestimmten Beruf einordnen. Beispielsweise galt es lange so: In der Metallbranche ist eine gewisse körperliche Stärke Grundvoraussetzung. Dabei vergessen wir, dass sich Berufsbilder auch ändern können. Wieder am Beispiel: Dank der Automatisierung muss nicht jeder Maschinenbauer ein Kraftprotz sein. Auch wenn diese Entwicklung nicht mehr neu ist, fehlt es uns an Vorbildern, die mit den alten Rollenbildern aufräumen und zeigen, was heute alles möglich ist. In unserer Gesellschaft muss Berufswahl heute also neu gedacht werden. Hier sind Schulen und Akteure der Berufsorientierung gefragt, nicht nur die alten, sondern den Heranwachsenden – unseren Fachkräften von morgen – auch die neuen Berufsbilder zu zeigen.

Letztes Fazit

Das Problem setzt also auf mehreren Ebenen an. Ist es damit unlösbar? Nun, die Chance auf die Lösung ist vielmehr aus mehreren Perspektiven möglich, es kann also jede/jeder einzelne etwas tun: Die Bewerbenden, die Recruitierenden und die Ratgebenden. Erster Schritt für alle ist sicher eine höhere Sensibilität für die Thematik.

Und was kannst du tun? Du als Frau auf Jobsuche kannst Zeit in eine Analyse deiner Stärken investieren – mit Coach oder ohne. Vielleicht bist du dir deiner Fähigkeiten gar nicht bewusst und unterschätzt dich und dein Können zu Unrecht. Deine falsche Bescheidenheit beim Bewerben führt im Endeffekt dazu, dass du das Nachsehen hast. Du als RecruiterIn auf Fachkräftesuche kannst die Formulierungen in der Stellenanzeige noch einmal unter die Lupe nehmen. 

Du als BerufsberaterIn kannst dir Beispiele gelungener Gleichstellung und Diversität heraussuchen.

Am wichtigsten ist doch, am Ende des Tages einen Job zu machen, in dem du entsprechend deiner Kompetenzen und Interessen gut aufgehoben bist– Männer wie Frauen – oder? 

Über die Autorin

Sarah Künne ist studierte Erziehungswissenschaftlerin und Erwachsenenbildnerin. Seit über einem Jahr arbeitet sie in einem Weiterbildungsinstitut im Ruhrgebiet, das Arbeitssuchende im Rahmen von Einzelcoachings in den Job (zurück) begleitet. Sie beschäftigt sich gerne mit Themen wie digitalen Ansätzen im Coaching und in der Bildungslandschaft, sowie mit der Frage der Gerechtigkeit aller Geschlechter. Sarah ist außerdem als Schauspielerin und Tänzerin aktiv.