Wertschätzend miteinander reden. Ein Weg.

Vor ein paar Tagen ist mir ein Post auf Facebook aufgefallen, bei dem gerade die Kommentare mich sehr zum Nachdenken angeregt haben. Eigentlich war es ein ganz harmloser Post. Eine Freundin von mir hatte ein neues Mountainbike gekauft und typisch Social Media wollen wir das natürlich gerne kundtun.

Es war auch nicht der Post, der mich verstörte, sondern vielmehr die Kommentare darunter. Da hat sich die liebe Carla von ihrem lang ersparten Geld endlich ein tolles neues Fahrrad gekauft und die meisten haben nichts Besseres zu tun als ihre unqualifizierte Meinung abzugeben.

Es waren Kommentare zu lesen wie:

„… DIESES MARKE??? OMG L Die hatten in letzter Zeit nur Bad Publicity“

„hättest du lieber Mal eins von XYZ gekauft – die sind viel besser. Da habe ich meins auch gekauft“

„Echt jetzt? Für mich kommt nur noch XYZ in die Tüte“

Und ich denke mir so: „Was interessiert mich das, ob du etwas Besseres hast????“

Warum kannst du dich nicht einfach für Carla freuen und einfach ein Like geben oder so etwas schreiben wie „Cool, ich freue mich auf eine Tour mit dir“

Warum neigen wir dazu das was der andere uns sagt oder zeigt gleich mit unserer Meinung zu versauen? Sieht so ein wertschätzender und respektvoller Umgang miteinander aus?

Weil, was macht das mit Carla, wenn sie auf etwas stolz ist und es zeigt und gleich wieder die Miesmacher oder Besserwisser um die Ecke kommen?

Wie steht es um das Zwischenmenschliche?

Diese Situation, die ich hier in Facebook beobachtet habe, ist mir schon häufig in Konversationen aufgefallen. Jemand erzählt etwas von sich und anstatt weiter interessiert nachzufragen gibt es als Antwort meist die eigene Meinung.

Diese eigene Meinung, nach der nebenbei bemerkt, die wenigsten wirklich fragen und die auch die wenigsten hören möchten, setzt meistens das vorher Gesagte herab oder enthält Tipps, was man stattdessen hätte tun sollen.

  • „Ich habe nicht nach deiner Meinung gefragt“
  • „Ich habe auch nicht gefragt ob es dir gefällt“
  • „Ich wollte es einfach nur erzählen“

Einfach nur erzählen… Wer macht denn sowas 😉

Die Folge können Missverständnisse, Frust oder gar Streit sein. Denn wir fühlen uns unverstanden, nicht wahrgenommen, nicht respektiert.

Das Verrückte dabei ist, dass wir uns genauso verhalten denn diese Form der Kommunikation ist normal geworden. Wir hören gar nicht mehr richtig hin, sondern sind ständig in unserer eigenen Welt. Getrieben von unseren Bedürfnissen und Gedanken, nehmen wir unser Gegenüber gar nicht richtig wahr.

Und jetzt mal ehrlich: Bittest du bewusst andere um ihre Meinung? Auch das ist untypisch für eine normale Konversation unter Freunden oder Kollegen.

Als ich vor ein paar Tagen einem Bekannten von diesen Gedanken erzählte, fragte er mich ganz unverblümt: „Was soll ich denn sonst sagen? Wie soll ich denn sonst antworten außer mit dem was ich darüber denke?“

Paradox: Ich frage dich nicht um deine Meinung aber du nimmst an, dass ich dich um deine Meinung gefragt habe.

„Missverständnis: Die häufigste Form der Kommunikation“

  • Peter Benary

Wie sieht das Ganze in unserem Arbeitsalltag aus?

Achtsamkeitsseminare, Resilienz-Workshops, Entspannungstrainings werden zuhauf gebucht. Die Trainerbranche freut sich.

Dabei könnte alleine schon das aufeinander achten viel verändern. Aber alleine bekommen wir es nicht mehr hin. Wir sind so festgefahren und auf Effizienz getrimmt, dass wir diese Unterstützung von außen brauchen.

Mein Bekannter und ich haben gemeinsam überlegt wie es denn dann stattdessen weitergehen könnte, weil wir waren uns auch einig, dass der „eigene Senf“ häufig dazu führt, dass eine Konversation in die falsche Richtung geht. Anstatt sich über neue Ideen zu unterhalten gehen diese meistens im Vorfeld schon durch „Ja, abers“ unter.

Was wäre denn stattdessen mit „Und dann?“ So wie es kleine Kinder machen, wenn sie sich gegenseitig von etwas erzählen. Was würde im Meeting passieren, wenn du das nächste Mal anstatt „aber“ so etwas sagst wie „und dann – wie geht es weiter?“

Wer das auch richtig gut kann sind die Amerikaner. Sie schaffen es auch bei völlig anderer Meinung die Konversation am Laufen zu halten. Ich erinnere mich da einen Austausch mit einer HR Direktorin der ich erzählte wie Coaching in ihrem Unternehmen aussehen könnte und es kam kein „Ja, aber“ sondern mehr ein „okay und wie geht es dann weiter“ oder ein „interessant und wie muss ich mir das vorstellen“.

Wenn du mal prüfen möchtest, was mit einer Konversation passiert wenn du nicht direkt deinen eigenen Senf dazu gibst, habe ich zum Schluss noch ein kleines Experiment für dich:

Schritt 1:

Bitte jemanden dir von etwas zu erzählen. Es kann der letzte Urlaub, eine Situation auf der Arbeit oder einfach etwas sein, was die Person interessiert.

Schritt 2:

Höre so lange hin, bis die Person ausgeredet hat

Schritt 3:

Nehme dir 10 Sekunden Zeit um über das nachzudenken was der andere gesagt hat.

Schritt 4:

Frage etwas zu dem was die andere Person gesagt hat.

Was kann das für Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen haben, wenn du in Zukunft dir die Zeit nimmst, mal hin zu hören?

Probier es aus. Ich freue mich auf dein Feedback dazu J